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13.06.18

Mehr Zeitmanagement für die neue Arbeitswelt

„Wir werden gemeinsam mit den Sozialpartnern prüfen, wie das Instrument der Langzeitkonten mehr Verbreitung finden kann.“ Dieser Satz steht im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung und regt die Phantasie all derjenigen an, die schon längst darauf hoffen, dass Zeitwertkonten mehr Beachtung in der betrieblichen Praxis erfahren. Eine Studie zeigt, dass viele Unternehmen schon weiter sind.

Zeit gewinnt für die Menschen heute eine immer größere und vielfältigere Relevanz. Immer mehr Berufsbiographien verlaufen heterogen. Sie weisen mehr Berufsstationen und mehr Zeiträume ohne eine Berufstätigkeit oder mit Teilzeit auf – oder auch Zeiten mit überdurchschnittlich vielen Arbeitsstunden. Somit steigt seitens der Arbeitnehmer die Nachfrage nach personalpolitischen Instrumenten, die solcherart veränderten Lebensentwürfen Rechnung tragen.

Jetzt haben die Arbeitsgemeinschaft Zeitwertkonten und FRANKFURT BUSINESS MEDIA – Der F.A.Z.-Fachverlag eine Studie herausgeben, die Antworten auf die Fragen gibt, wie intensiv Arbeitgeber in Deutschland Zeitwertkonten im Sinne des SGB IV anbieten, an welchen Stellen Hemmnisse bestehen und wie der konkrete Bedarf der Beschäftigten an flexiblen Arbeitszeitlösungen und an Zeitwertkonten aussieht. Im Januar 2018 hat der F.A.Z.-Fachverlag 317 Geschäftsführer, Vorstände und Personalleiter in Unternehmen in Deutschland online befragt.

Eine ausgewogene Work-Life-Balance gewinnt an Relevanz

Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Freizeit wird laut der Befragung für die Mehrheit der Mitarbeiter in Unternehmen immer wichtiger. Gerade die jüngere Generation der Beschäftigten legt verstärkt Wert auf eine Work-Life-Balance. Fast 90 Prozent der teilnehmenden Unternehmen geben an, dass sie eine solche Nachfrage in ihrem Unternehmen beobachten. Das Verhältnis von Arbeitszeit zu freier Zeit thematisieren viele Unternehmen bereits in Gesprächen mit Bewerbern.

Welche Anreize fragen die Mitarbeiter bei ihrem Arbeitgeber besonders stark nach? Hauptsächlich wünschen sich die Beschäftigten finanzielle Anreize von ihrem Chef. Drei Viertel der Entscheider geben an, dass ihre Mitarbeiter eine Gehaltserhöhung als wichtigsten Motivationsanreiz ansehen. Zeitbasierte Anreize schneiden im Vergleich zu monetären Anreizen und Sachleistungen des Arbeitgebers schwächer ab. Doch auch eine bezahlte Freistellung – stundenweise oder in Vollzeit – für persönliche Zwecke des Mitarbeiters sowie bezahlte Sabbaticals sind für etwa jeden fünften Mitarbeiter ein sehr wichtiges bzw. wichtiges Motivationsinstrument. Fast 30 Prozent der Befragten berichten von einer sehr starken bzw. starken Nachfrage der Mitarbeiter nach bezahlter Arbeitszeitreduktion in der ruhestandsnahen Lebensphase.

Rund drei Viertel der Betriebe führen für ihre Beschäftigten Flexi- bzw. Gleitzeitkonten. Diese Konten dienen dem Arbeitgeber in erster Linie zur Flexibilisierung der werktäglichen oder wöchentlichen Arbeitszeit oder dem Ausgleich betrieblicher Produktions- und Arbeitszyklen (vergleiche § 7b Ziffer 2 SGB IV). Neun von zehn mittleren Unternehmen mit 250 bis unter 1.000 Mitarbeitern bieten Flexi- bzw. Gleitzeitkonten an, während dieses Modell in kleinen sowie in großen Betrieben nur unterdurchschnittlich häufig angeboten wird.

Zwei Fünftel aller befragten Entscheider geben an, dass in ihrem Unternehmen ein Altersteilzeitmodell angeboten wird. Insbesondere in großen Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern kommt ein solches Modell mehrheitlich zum Einsatz. Die staatliche Förderung der Altersteilzeit ist bereits 2009 weggefallen, doch es fällt auf, dass Unternehmen dieses Modell trotz enormer Kosten für den Arbeitgeber noch immer gerne einsetzen.

Fast jedes dritte Großunternehmen bietet Zeitwertkonten an

Ein Zeitwertkonto mit dem Ziel von Teil- oder Vollfreistellungen über Zeitwertkonten im Sinne des SGB IV hat immerhin schon fast ein Viertel aller befragten Unternehmen (22,9 Prozent) eingeführt. In diesen Unternehmen können die Mitarbeiter Wertguthaben über einen langen Zeitraum aufbauen und sich dadurch zu einem späteren Zeitpunkt längerfristig teilweise oder vollständig von der Berufstätigkeit freistellen lassen. Mit steigender Größe der Unternehmen nach Mitarbeitern nimmt auch die Zahl der Organisationen mit Zeitwertkonten zu. Etwa ein Drittel der größeren Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern hat ein Zeitwertkonto, ebenso ein Fünftel der mittleren Unternehmen mit 250 bis unter 1.000 Beschäftigten und fast ein Sechstel der kleineren Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern.

Die Gründe, aus denen Unternehmen auf die Implementierung eines Zeitwertkontenmodells verzichten, sind vielfältig. Die Mehrheit der Organisationen, die kein Zeitwertkonto anbieten, vertritt den Standpunkt, bereits durch andere betriebliche Regelungen gut aufgestellt zu sein, um Überstunden und ähnliche Zeitwerte auszugleichen (57,7 Prozent). Diese reichten ihren Mitarbeitern aus, so der Tenor. Für jeweils etwas mehr als ein Drittel der Unternehmen kommen Zeitwertkonten aufgrund der gesetzlichen Maßgabe, arbeitnehmerseitig geleistete Beiträge zu garantieren, und unzureichender Rentabilität in der Niedrigzinsphase nicht in Frage, oder die Unternehmen sehen keine Nachfrage der Arbeitnehmer nach derartigen Konten.

Nach Einschätzung der befragten Unternehmen, die Zeitwertkonten anbieten, lassen Mitarbeiter vor allem Überstunden auf den Konten gutschreiben (81,5 Prozent der Unternehmen, die Zeitwertkonten anbieten). Sieben von zehn Betrieben dotieren das Zeitwertkonto aus angeordneter Mehrarbeit der Beschäftigten. Sonderzahlungen in Form von Urlaubs- und Weihnachtsgeld wandern in etwa zwei Fünfteln der Unternehmen auf Zeitwertkonten der Mitarbeiter.

Jüngere und Frauen wünschen sich flexiblere Arbeitszeiten

In der jüngeren Generation, also unter den Mitarbeitern zwischen 18 und 35 Jahren, ist der Wunsch nach mehr Freizeit und einer starken Flexibilisierung der Arbeitszeit am stärksten ausgeprägt. Fast zwei von drei Mitarbeitern dieser Altersgruppe fragen danach (63,8 Prozent). Dagegen nimmt der Wunsch nach mehr Freizeit und nach besonders flexibler Arbeitszeit mit zunehmendem Alter immer mehr ab. Vor allem Frauen wünschen sich in 52,3 Prozent der Unternehmen von ihren Arbeitgebern flexiblere Arbeitszeiten bzw. mehr Freizeit.

Besondere Aufmerksamkeit verdient der künftige Arbeitseinsatz von Mitarbeitern ab 60 Jahren im eigenen Unternehmen. Infolge der demographischen Entwicklung steigt das Durchschnittsalter vieler Belegschaften, und der Fachkräftemangel nimmt zu. Vor dem Hintergrund plant etwa die Hälfte der befragten Unternehmen, den eigenen Mitarbeitern ab 60 Jahren mehr Angebote zu machen, über das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten. Fast jedes zweite Unternehmen bietet seinen Mitarbeitern ab 60 Jahren vermehrt eine Teilzeitbeschäftigung an.

Befragt man die Top-Entscheider nach Szenarien, die sie mit Blick auf die Arbeitswelt 4.0 und die Digitalisierung in ihren Unternehmen erwarten, gehen drei Viertel davon aus, dass für die Mitarbeiter in den kommenden Jahren ein flexibleres Zusammenspiel von Arbeitszeit und Freizeit wichtiger werden wird. Zudem wird der Bedarf an individuellen Arbeitszeitregelungen je nach Lebensphase zunehmen. Vor allem größere Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitern erwarten mehr Vielfalt an Arbeitszeitmodellen entsprechend den individuellen Lebenslagen. Jedes zweite Unternehmen befürchtet, den eigenen Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften bald nicht mehr decken zu können.

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