Rolf T. Eckel

17.11.22

Mitarbeiterbindung wichtiger denn je

Für HR und Führungskräfte gilt mehr denn je: Sie müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter binden. Wie das gelingen kann, darüber diskutierten Experten im Themenforum „Mitarbeiterbindung 2030“ beim Deutschen HR-Summit.

Viele Unternehmen beobachten derzeit eine zunehmende Fluktuation. Sie macht deutlich: Es ist wichtiger denn je, Talente an das Unternehmen zu binden und eine starke Arbeitgebermarke aufzubauen. Wie das gelingen kann, darüber sprach Jacqueline Preußer, Leiterin von F.A.Z. Business Media | research, in einem Themenforum beim 13. Deutschen HR-Summit mit Sven Schrieber, Senior Account Manager Strategic Accounts bei Cornerstone, und Natascha Gasser, Leiterin der Abteilung Learning & Development des österreichischen Logistikunternehmens Gebrüder Weiss.

Preußer beleuchtete dabei die Ergebnisse der neuen Studie „Mitarbeiterbindung 2030“, die F.A.Z. Business Media | research im Auftrag von Cornerstone erstellt hat. Für die Studie hat das Researchteam 201 Unternehmen in der DACH-Region befragt, darunter Leiter der Geschäftsführung, Vorstände und Personalleiter. Zudem interviewte es Karen Wefelmeyer und Karin Kießling von d&b audiotechnik, Jo-Anne Rossouw von Nestlé und Natascha Gasser zu den Herausforderungen im Hinblick auf Mitarbeiterbindung.

Fachkräftemangel spitzt sich immer weiter zu

Nach den Studienergebnissen fürchten derzeit 88 Prozent der befragten Entscheider, dass sich der Fachkräftemangel bis zum Jahr 2030 immer weiter zuspitzen wird. Ob dieses Ergebnisses zeigte sich Schrieber überrascht: „Wir sprechen seit Jahren, egal in welcher Branche, über Fachkräftemangel. Da wundert es mich, dass nur 88 Prozent diese Einschätzung haben. Denn immer häufiger hören wir, dass es um Arbeitskräftemangel generell geht.“ Auch Gasser sieht bei ihrem Fullservice-Logistiker die Problematik der Fluktuation und riet, sich auf die Bindung von Mitarbeitern zu fokussieren: „Ich muss schauen: Welche Möglichkeiten gibt es für Mitarbeiterbindung? Aber auch: Was wünscht sich jede Generation? Ich muss das Thema ganz individualisiert angehen.“

Gasser hat in ihrem Unternehmen Prozesse eingeführt, um die Loyalität der Mitarbeiter zu stärken, denn sie beobachtet – wie 44 Prozent der befragten Personal- und Unternehmensentscheider –, dass die Bindung zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern aufgrund der Pandemie abgenommen hat. „Wir haben für eine stärkere Mitarbeiterbindung virtuelle Kaffeepausen eingeführt. Was wir sonst im Büro machen, das haben wir versucht, digital abzufangen“, berichtete sie. Jedoch sieht sie auch Grenzen des virtuellen Arbeitens: „Onboarding ist virtuell gar nicht möglich. Ich kann zwar mit jemandem sprechen, ihm Prozesse erklären. Aber die loyale Bindung fehlt letzten Endes.“

Entscheidend, um Fluktuation vorzubeugen, ist zudem, dass Unternehmen die Kündigungsgründe ihrer Mitarbeitenden kennen: Laut Studie kündigen die meisten Talente (jeweils 48 Prozent), weil sie mit ihrem Gehalt und ihren Karrierechancen nicht zufrieden sind. Aus Unzufriedenheit mit den Führungskräften kündigt etwa jeder Dritte (37 Prozent). Weitere Gründe, einen Arbeitgeber zu verlassen, sind eine unausgewogene Work-Life-Balance (34 Prozent), zu wenig Gestaltungsspielraum bei der Arbeit (25 Prozent), eine mangelhafte Unternehmenskultur (17 Prozent) oder unbefriedigende Aufgaben (14 Prozent). 

Führungskräfte besser einbinden und fortbilden

Gasser weiß, dass Führungskräfte eine entscheidende Rolle bei der Mitarbeiterbindung spielen: „Karriere ist etwas ganz Individuelles. Die Führung steckt viel dahinter. Sie muss auch in die Richtung gehen, Coach zu sein, denn die beste Personalentwicklerin ist die Führungskraft. Sie kennt ihre Mitarbeitenden.“ Dem stimmte Schrieber zu: „Führung und Karriere sehen wir Hand in Hand. Eigentlich ist es der Manager, der zusammen mit seinen Mitarbeitenden für die Weiterentwicklung zuständig ist, nicht HR.“

Dennoch sind die Führungskräfte auf HR angewiesen. Das zeigen die Studienergebnisse: Rund zwei Drittel der Befragten (63 Prozent) geben an, dass sich Personalführung durch das digitale Arbeiten stark verändert und HR die Aufgabe habe, die Führungskräfte zu Führung zu befähigen. Gasser erklärte: „HR muss diese Chance nutzen. Es hat die Aufgabe, die Menschen zu befähigen. Es muss Standard sein, dass ich auch als Führungskraft noch etwas zu lernen habe, auch wenn ich schon 20 Jahre Führungskraft bin.“ Schließlich gehe es um tägliches Lernen, Erfahrungsaustausch und Feedback mit den Mitarbeitenden. „Nur, weil ich Führungskraft bin, bin ich nicht unantastbar“, sagte die Weiterbildungsleiterin.

Eine weitere Herausforderung im Zusammenhang mit Mitarbeiterbindung sehen die Experten und Expertinnen in der internen Kommunikation. In 41 Prozent der befragten Unternehmen geht HR diese Aufgabe gezielt an, um die Belegschaft nachhaltig von der eigenen Organisation zu überzeugen. Sowohl Gasser als auch Schrieber haben dabei schon verschiedene Kommunikationskanäle ausprobiert und die Erfahrung gemacht, dass nicht jeder Kanal funktioniert. „Wir versuchen immer wieder neue Kanäle. Was klappt, das klappt. Was nicht klappt, werfen wir über Bord“, berichtete Gasser.