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15.04.21

Bundesliga vor leeren Rängen: Eintracht Frankfurt und Corona

Geisterspiele waren für den Profifußball in diesem Jahr ein Novum. Doch der Bundesliga gelang als erster internationalen Liga der Neustart aus dem Lockdown mit einem überzeugenden und am Ende auch erfolgreichen Hygienekonzept. Axel Hellmann, langjähriges Mitglied des Vorstands der Eintracht Frankfurt Fußball AG, zeigt in seiner Keynote die Innensicht auf einen Proficlub zwischen finanziellem Drahtseilakt, Präventionsauflagen und Hochleistungssport.

„Der Profifußball hat gerade in einer schweren Krise, wie wir sie aktuell erleben, das Potenzial, positiv in die Mitarbeiterschaft von Betrieben hineinzuwirken.“ Axel Hellmann schlägt zu Be­ginn seiner Keynote eine Brücke zwischen HR und dem Fußballsport. Am Beispiel des Bun­desligisten Eintracht Frankfurt zeigt das Vor­standsmitglied auf, wie das Pandemiejahr 2020 verlief und wie die Aussichten für 2021 sind. Er unterscheidet vier Phasen:

  • Phase 1: die Welt vor Corona
  • Phase 2: die Schockphase, in der die Pandemie über die Welt hereinbrach und voll­kommen Unvorhergesehenes auslöste
  • Phase 3: Adaption zwischen dem, was den Fußball unter normalen Verhältnissen ausmacht, und den Lebensrealitäten
  • Phase 4: die Welt nach dem Ende der Covid-19-Krise 

Phase 1: die Welt vor Corona

Die Phase 1 war für Eintracht Frankfurt durch anhaltenden sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg gekennzeichnet – mit dem Gewinn des DFB-Pokals und dem Einzug in das Halbfinale der Euroleague. Der Club konnte in dieser Zeit seinen Geschäftsumsatz verdoppeln und die Mitarbeiterzahl um den Faktor 2,5 erhöhen. „Wir befanden uns auf einer gesunden, organi­schen Wachstumsentwicklung mit einem Um­satz von über 200 Millionen Euro“, resümiert Axel Hellmann. „Alles bei uns war darauf aus­gelegt, weiterhin organisch zu wachsen.“ Der Verein hatte gerade erst neue Stabsstellen ein­gerichtet, die zum künftigen Wachstum betra­gen sollten. „Unser Ziel ist, uns dauerhaft unter den ersten acht Clubs in der Bundesliga zu etablieren.“ 

Phase 2: der Schock

Dann kam Phase 2, die Schockphase: Mit dem Ausbruch der Pandemie und dem ersten Lockdown im März erlebte Eintracht Frankfurt eine Vollbremsung – quasi von 140 auf 0 km/h. Damit stand von heute auf morgen das gesamte Geschäftsmodell des Clubs im Feuer. Die Erlöse aus Zuschauereinnahmen fielen weg, ebenso die Fernsehgelder, solange der Spielbetrieb ruhte. „Alle Bundesligisten fallen ohne Spielbetrieb um – früher oder später“, unterstreicht Hellmann. „Deshalb war es für uns existenziell wichtig, den Spielbe­trieb so schnell und so sicher wie möglich fortzusetzen.“ Dabei hat der Profifußball unter verfassungsrechtlichen Aspekten den Vorteil, dass die Spieler mit dem Spiel ihrer Berufstätigkeit nachgehen. Doch deren Rahmenbedingungen mussten hygienekonform angepasst werden. Deshalb hat die Deutsche Fußballliga (DFL) zusammen mit den Vereinen früh begonnen, ein Hygienekonzept nach dem Prinzip des German Engineering auszuarbeiten – einen klaren Plan für einen komplexen Sachverhalt auf­stellen, medizinische Konzepte mit digitalen Konzepten verbinden, die analoge Welt mit der digitalen Welt verkordeln. Das Hygienekonzept der DFL überzeugte und findet bis heute Nach­ahmer in vielen Ländern auf der ganzen Welt.

Ein Grundprinzip des Konzepts ist die strikte Trennung des Spielbetriebs vom administrativen Bereich eines Clubs. „Unser wichtigste Asset ist gerade in der Pandemiesituation die Gesundheit der Spieler“, betont Axel Hellmann. Deshalb wurden die Mannschaften zunächst in Quarantäne genommen, die dann schrittweise gelockert wurde, als feststand, dass das Konzept greift. „Die Fortsetzung des Spielbetriebs und der Abschluss der Bundesligasaison Ende Juni waren ein großer Erfolg, weil es den Clubs dank der Mediengelder die ökonomische Sicherheit zurückgab“, so der Jurist. 

Phase 3: Adaption

Die Schockphase ging fließend in die Adaptionsphase (Phase 3) über. Hier stellte sich die Frage, wie Zuschauer und Sponsoren wieder live ein Spiel im Stadion schauen konnten. Die DFL erstellte ab Mai ein weiteres Konzept für Bundesliga-spiele mit Zuschauern und unter Einhaltung aller Hygienevorschriften. „Damit wollten wir sicherstellen, einerseits den Spielbetrieb fortsetzen und andererseits wirtschaftlich überle­ben zu können“, erklärt Hellmann. Der erwartete Umsatz von 130 bis 150 Millionen Euro für Eintracht Frankfurt in dieser Saison bedeute im Vorjahresvergleich ein Minus von bis zu 50 Millionen Euro. „Diesen Zustand halten wir nur ein Jahr lang durch, doch je länger er dauert, desto mehr fehlt uns die Phantasie, wie wir die Liquiditätslücke überbrücken können.“

Erschwerend kommt für den Proficlub hinzu, vor der Corona-Krise ein Investitionspaket von insgesamt 80 Millionen Euro angeschoben zu ha­ben, um die eigene Infrastruktur im Trainingscamp, im Stadion und in der Digitalisierung auszubauen. „Wir stecken derzeit in der Klemme zwischen den Verpflichtungen gegenüber unseren Kreditgebern und dem Liquiditätsbedarf für das Tagesgeschäft.“ Laufende Bauprojekte können und sollen nicht unterbrochen oder abgebrochen werden. Gleichzeitig muss die Liquiditätsseite soweit optimiert werden, damit der Club finanziell Luft zum Atmen hat. Dazu gehören Personalmaßnahmen wie Kurzar­beit und Gehaltsverzicht der Spieler in Höhe von 20 Prozent. Die größte Herausforderung sieht Axel Hellmann im Zwang, die Kosten bei bestehenden Verträgen kurzfristig zu senken. Die nächste Herausforderung werde sich dann stellen, wenn das Infektionsgeschehen noch stärker werde und der Spielbetrieb erneut un­terbrochen werden müsse. „Wenn wir wieder in die Situation kommen, nicht spielen zu dürfen, müssen wir über drastischere Sparmaßnahmen nachdenken, gerade bei den Spielergehältern“, so der Vorstand. „Wir haben bereits ein Konzept, um Mitarbeiter und Spieler mitzunehmen und bei ihnen Verständnis zu wecken, um gemeinsam durch die Krise zu kommen.“

Am stärksten drückt der Schuh bei den fehlenden Zuschauern. „Unser Produkt Fußball lebt gerade in Frankfurt von den Emotionen der Zuschauer“, sagt Hellmann. „Mit der Umsetzung unseres Hygienekonzepts in der laufenden Saison haben wir bewiesen, dass wir mit zumin­dest 8.000 Zuschauern ein Spiel sicher durchführen können.“ Die prüfenden medizinischen Einrichtungen hätten keinen einzigen Infektionsfall im Zusammenhang mit einem Stadion­besuch entdeckt. „Deshalb ist es gerade in einer Pandemie wichtig zu zeigen, dass das Leben weitergehen kann, wenn wir uns mit Prävention für die Risiken auseinandersetzt und uns dann angemessen diszipliniert verhalten, ohne dass das öffentliche Leben komplett zum Erliegen kommen muss.“ 

Phase 4: die Welt nach Corona

Wie die vierte Phase aussieht, hängt nach Ansicht von Axel Hellmann stark davon ab, wie wir die aktuelle dritte Phase gestalten. „Natürlich sind Fußballspiele, Events und Gastronomie nicht systemrelevant, aber das Leben wäre ohne sie sehr viel ärmer“, so Hellmann. „Vor allem wäre ein Verschwinden solcher Events ein Vorgang ohne jede Not.“ Je länger der Lockdown anhalte, desto schwerer werde es für Liveveranstalter und für den Profisport, nach einer Öffnung wieder eine große Zahl an Zuschauern in die Stadien und Hallen zurückzuholen. „Dann würde der Profisport auf einem viel kleineren Niveau fortbestehen.“