s-motive - stock.adobe.com

18.08.22

Reallöhne sinken trotz hoher Gewinne der Unternehmen

Die Löhne in der EU könnten im Jahr 2022 real um 2,9 Prozent sinken. Experten warnen vor einer Umverteilung zu Lasten der Beschäftigten.

Durch die hohe Inflation dürften die Reallöhne der Beschäftigten in allen EU-Ländern im Jahr 2022 sinken – nach Jahrzehnten mit realen Lohnsteigerungen. Experten gehen von einem Reallohnverlust von 2,9 Prozent aus. Das liegt daran, dass die Entwicklung der effektiven Bruttolöhne EU-weit hinter der Preissteigerung zurückbleiben wird.

Anzeichen für eine sich überhitzende Lohndynamik, die ihrerseits die Inflation verstärken könnte, gibt es angesichts einer weiterhin verhaltenen Entwicklung der Nominallöhne hingegen nicht. Zu diesen Ergebnissen kommen Experten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Höhere Lohnforderungen berechtigt

Während die Löhne real sinken, verzeichnen viele Unternehmen hohe Gewinne und schütten Milliarden Euro an Dividenden aus, wie die Studienautoren Dr. Malte Lübker und Thilo Janssen mit Verweis auf die deutsche Automobilindustrie analysieren.

Nach ihrer Einschätzung könnte das Jahr 2022 somit von einer Umverteilung zu Lasten der Beschäftigten geprägt sein – eine Entwicklung, die sich nach Einschätzung der Europäischen Kommission in einer sinkenden Lohnquote zeigen wird. Spiegelbildlich führt dies zu einem höheren Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am Volkseinkommen.

Um dem entgegenzusteuern, seien hohe Lohnforderungen in Branchen mit guter Gewinnentwicklung durchaus berechtigt und für die Unternehmen auch zu verkraften, so die Analyse der Wissenschaftler. Das gilt auch, wenn die gestiegenen Weltmarktpreise für Vorprodukte und importierte Energieträger berücksichtigt werden.

Die Prognose der Europäischen Kommission lege nahe, dass – gesamtwirtschaftlich gesehen – relativ hohe nominale Lohnsteigerungen möglich sind, ohne dass diese zwangsläufig zu einem Rückgang der Unternehmensgewinne führen, schreiben die Studienautoren. Sie weisen allerdings auch daraufhin, dass die Prognosen mit großen Unsicherheiten behaftet sind und sich daher noch Verschiebungen ergeben können.