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11.04.18

Mehr Flexibilität braucht mehr Personal, mehr Zeitsouveränität, mehr Gesundheitsprävention

Der intensive globale Wettbewerb, die digitale Transformation in Industrie und Dienstleistung sowie der Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungs- oder Wissensgesellschaft machen neue Geschäftsmodelle und andere Formen der Arbeitsorganisation erforderlich. Damit kommen auch auf Organisationen und Beschäftigte veränderte Rahmenbedingungen zu. Doch die Betriebsräte halten dagegen und fordern, den Arbeitsdruck von den Beschäftigten zu nehmen.

Die digitale Transformation lässt sich für die Unternehmen sinnvoll nutzen – das ist die zentrale positive Aussage der über 2.000 Betriebsräte, die das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI-Institut) befragt hat. So registrieren die Betriebsräte den vielseitig positiven Nutzen digitaler Anwendungen für die Mitarbeiter. Kritik entzündet sich an der politischen Diskussion darüber, Arbeit weiter zu flexibilisieren. In dieser Diskussion geht es insbesondere darum, dass sich in erster Linie die Menschen nach der Wirtschaft und ihren Bedarfen zu richten haben, was bei den Arbeitnehmervertretern auf Widerspruch stößt.

Der Vorwurf der Betriebsräte zielt umgekehrt darauf ab, dass die Betriebe ihrerseits den Belegschaften oft nicht die erforderlichen Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, um mehr Flexibilisierung möglich zu machen. Deshalb verlangen die Betriebsräte von den Arbeitgebern vor allem drei Leistungen:

  • ausreichend Personal zur Verfügung stellen,
  • die Arbeitszeitregelungen stärker flexibilisieren und den Beschäftigten mehr Souveränität über ihre Arbeitszeit einräumen und
  • die Gesundheitspolitik in den Betrieben verbessern.

Nach Ansicht der Betriebsräte halten die Arbeitgeber die Personaldecken zu dünn – mit der Folge, dass es in vielen Unternehmen den Beschäftigten schwer fällt, mit der höheren Dynamik in der Arbeitswelt 4.0 Schritt zu halten. Mehr Dynamik und mehr Flexibilität können die Mitarbeiter aber nur dann erbringen, wenn die Arbeitgeber die Personalkapazitäten erhöhen – so die Betriebsräte. Da dies derzeit nicht in ausreichendem Maße geschieht, sind die Folgen vielerorts ein steigender Arbeitsdruck und Terminhetze. Gleichzeitig sind die Beschäftigten in vielen Unternehmen in ein enges Arbeitszeitkorsett gepresst, das ihnen kaum Spielraum einräumt, um zumindest ein Stück weit selbstbestimmt mit der eigenen Arbeitszeit umzugehen. Dazu gehört beispielsweise die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten.

Ein Übermaß an Dynamik und Flexibilität in Arbeitsprozessen kann bei den Beschäftigten gesundheitliche Probleme auslösen

In der Folge nehmen nach der Wahrnehmung der Betriebsräte die Gesundheitsprobleme für die Mitarbeiter zu. Zwar bringen die Arbeitsnehmervertreter in den meisten Betrieben die zunehmende Arbeitsverdichtung und den Leistungsdruck auf Betriebsversammlungen und in Verhandlungen mit den Arbeitgebern zur Sprache. Doch die Studienautoren unterstreichen in ihrer Analyse die Relevanz der bestehenden Regulierungsansätze zur Arbeitszeit und zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, um die Gesunderhaltung der Beschäftigten auch unter veränderten Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Das kollidiert mit der öffentlich immer wieder geäußerten Kritik an starren Schutzregelungen für die Beschäftigten wie beispielsweise Höchstarbeitszeiten oder Ruhezeiten, die häufig nicht mehr der beruflichen Realität entsprechen. Um diesen Konflikt zu lösen, raten die Studienautoren der Hans-Böckler-Stiftung zu einem sensibleren Umgang mit den Regulierungen zum Schutz der Belegschaften.

Auf lange Sicht werden die Gesundheitsprävention und die Gefährdungsbeurteilung nach Einschätzung der Betriebsräte im Zusammenhang mit der Arbeit 4.0 immer wichtiger. Für die Erhaltung der Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten sind demnach vor allem solche Regulierungsansätze relevant, die einerseits Spielraum für eine größere Arbeitsautonomie zulassen und andererseits dem Risiko der Selbstausbeutung vorbeugen. Die Arbeitgeber sollten deshalb den Beschäftigten entsprechende Hilfsangebote unterbreiten in Abstimmung mit der jeweiligen individuellen Lage. Diese Angebote sollten nicht an Anordnungen oder Verbote geknüpft sein, sondern den Mitarbeitern Optionen für die Mitbestimmung eröffnen. Das betrifft etwa die Erreichbarkeit oder die personelle Teamaufstockung.

Das Arbeitsschutzgesetz bietet Regularien in Form der Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen. Doch nicht jeder Betrieb setzt diese Möglichkeiten intern ein, um die Arbeitsbedingungen im Hinblick auf die Digitalisierung zu verbessern. Zudem können die Möglichkeiten der digitalen Vernetzung und der ständigen Erreichbarkeit zu einer Entgrenzung der Arbeitszeiten führen. Die Betriebsräte warnen also davor, dass mehr Autonomie und Ergebnisorientierung in der Arbeit eine Kettenreaktion auslösen und sich irgendwann kaum mehr regulieren lassen. Neue Modelle und Lösungen sollten die individuellen Wünsche der Beschäftigten berücksichtigen und zugleich extreme Situationen verhindern.

Arbeitszeitkonten unterstützen die Zeitsouveränität der Mitarbeiter

Instrumente wie Arbeitszeitkonten können aus Sicht der Betriebsräte dabei helfen, die Chancen der Digitalisierung zu ergreifen und gleichzeitig die Risiken für die Mitarbeiter zu senken. Arbeitszeitkonten erleichtern die Organisation und Regulierung von flexiblem Arbeiten für beide Seiten, die Arbeitgeber und die Beschäftigten. Sie stellen zudem die Zeitsouveränität für die Beschäftigten sicher und helfen, Überstunden zu managen und zeitnah abzubauen.

Die Betriebsräte sprechen sich auch dafür aus, dass die Beschäftigen mehr an der Gestaltung der Arbeitsbedingungen beteiligt werden – mit dem Ziel, gesundheitsgefährdende Arbeitsbelastungen zu reduzieren. Deshalb sollten die Arbeitgeber die geltenden Vorschriften für den präventiven betrieblichen Gesundheitsschutz – insbesondere § 5 des Arbeitsschutzgesetzes – vollständig umsetzen und die Belegschaften bei der Gefährdungsbeurteilung stärker einbinden. Das geht über Befragungen der Mitarbeiter zu den Arbeitsbedingungen und möglichen Belastungen. So lassen sich gemeinsame Lösungen finden, um diese Belastungen zu reduzieren.

Besonders groß ist der Handlungsbedarf nach Erkenntnis der Studienautoren in den Dienstleistungsbranchen wie Gesundheit, Pflege oder Erziehung. Gerade in Krankenhäusern gehen dünne Personaldecken einher mit nicht ausreichenden Arbeitsbedingungen und geringer Bezahlung. Zwar bieten insbesondere diese Branchen nach heutigen Prognosen auch in Zukunft gute Jobperspektiven und werden deshalb weiterhin einen hohen Personalbedarf haben. Doch gerade Frauen, von denen viele in Teilzeit arbeiten und eine Doppelrolle in Familie und Beruf übernehmen, brauchen angesichts höherer Anforderungen an Flexibilität und Fachkompetenzen Unterstützung. Die wird der Auslöser der Industrie 4.0 selbst bieten: Digitale Lösungen ermöglichen es, zeit- und ortsunabhängig zu arbeiten, und tragen dazu bei, dass sich Familie und Beruf besser vereinbaren lassen.