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29.05.20

Was bringen Abstriche bei der Vorstandsvergütung in der Pandemie?

Angesichts der Corona-Krise und der weltweiten Rezession verzichten viele Vorstände auf Teile ihrer Vergütung. Doch was bringt es einem Unternehmen, wenn Top-Manager geringere Boni oder kleinere Aktienpakete bekommen? Sinken die Kosten dadurch substanziell oder ist Gehaltsverzicht des Managements nur ein Zeichen der Solidarität mit den Beschäftigten? Aktuelle Studien aus den USA und dem UK suchen Antworten.

Auch in der Corona-Pandemie fahren 55 Prozent der US-amerikanischen Unternehmen bei der Vergütung ihrer Vorstände unbeirrt so fort wie bislang, wie eine Studie des amerikanischen Executive-Compensation-Beraterhauses Pearl Meyer zeigt. Mitte April befragte Pearl Meyer insgesamt 315 Unternehmen, davon 230 börsennotierte Aktiengesellschaften. Nur 19 Prozent der Unternehmen reduzieren die Bezüge ihrer Vorstände befristet, während 17 Prozent beabsichtigen, geplante Anhebungen der Vorstandsvergütung auch in der Krise umzusetzen. Lediglich 14 Prozent der Befragten warten erst die weitere Entwicklung der Pandemie ab und behalten sich spätere Eingriffe in die Vergütung des Top-Managements vor.

Dauer der Entgeltkürzung ist oft unklar

Die meisten Unternehmen, die die Bezüge ihrer Vorstände kürzen, gehören solchen Branchen an, die am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen sind. Dazu zählen der Energiesektor, das Transportwesen und die Gastronomie. Je länger die Pandemie und die Krise andauern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass auch andere Branchen mit Kostensenkungen wie etwa Entgeltkürzungen auf Vorstandsebene reagieren werden. Auch ist häufig unklar, wie lange der Gehaltsverzicht dauern soll: 40 Prozent der Unternehmen, die die Vorstandsbezüge kürzen, wissen laut der Pearl-Mayer-Studie noch nicht, über welchen Zeitraum sich die Maßnahme erstrecken soll.

Die Unternehmen, die bereits jetzt Fristen für den freiwilligen Entgeltverzicht gesetzt haben, planen mit Zeiträumen zwischen drei Monaten und einem Jahr (38 Prozent). Wie groß die Unsicherheit der Unternehmen im Umgang mit dem weiteren Verlauf der Pandemie ist, lässt sich daran ablesen, dass 70 Prozent ihre Frist für den Gehaltsverzicht möglicherweise nach hinten verschieben werden.

Ungefähr die Hälfte der befragten Unternehmen (48 Prozent) hat sich noch keine konkreten Gedanken darüber gemacht, die jährlichen Aktienpakete für die Vorstände oder die Methode ihrer Zuteilung zu überprüfen. Die Unternehmen, die in diesem Jahr die Aktienzuteilung für ihre Vorstandsmitglieder anfassen werden, wollen den zugrunde gelegten Preis je Aktie für die Berechnung der Anzahl der Anteile verändern (9 Prozent). Alternativ soll die Anzahl der zugeteilten Aktien im gleichen Maße sinken wie die jährliche Festvergütung in bar (4 Prozent). 20 Prozent der Unternehmen haben noch nicht entschieden, ob sie ihre Aktienzuteilung angesichts von COVID-19 anpassen werden.

Entgeltverzicht im Vorstand in jeder dritten britischen Aktiengesellschaft

Der Blick nach UK zeigt, dass auch dort nur in relativ wenigen Unternehmen Entgeltverzicht auf der Vorstandsetage angesagt ist. Das „High Pay Centre” hat im April die Studie „How are UK listed companies responding to the economic shutdown?“ veröffentlicht. Darin wertete der Think-Tank Pflichtveröffentlichungen der FTSE-350-Unternehmen – mit Ausnahme von Investmentgesellschaften –, Pressemeldungen von und eine Befragung unter FTSE-100-Unternehmen aus.

Die Untersuchung ergab, dass 37 Prozent der FTSE 100-Unternehmen und 31 Prozent der FTSE 250-Unternehmen – das entspricht 33 Prozent der FTSE 350-Unternehmen – wegen der Corona-Pandemie die Vorstandsvergütung reduziert haben. Dabei ist eine Kürzung der Bezüge der CEOs um ein Drittel bis ein Fünftel die am häufigsten ergriffene Maßnahme. Nicht in jedem dieser Fälle ist sicher, ob es sich um eine Kürzung des Jahresentgelts handelt oder um eine anteilige Reduzierung in Abhängigkeit von der Dauer des Lockdowns.

Lediglich 13 Prozent der untersuchten Unternehmen – das sind 35 Prozent derjenigen, die die Vorstandsvergütung in irgendeiner Form kürzen – fahren den Bonus oder die Long-term-Incentive(LTI)-Komponente zurück. Damit schrumpft die größte Vergütungskomponente für Executives in Großbritannien. In einigen Fällen gestaltet sich der Entgeltverzicht aber nur so, dass Boni in Aktien statt in bar ausgezahlt werden. Die Wirkung dieser Maßnahme auf die Gesamtvergütung ist nach Einschätzung der Studienautoren noch ungewiss und angesichts der Krise kaum verlässlich zu prognostizieren.

Was bringt ein Entgeltverzicht effektiv?

Typischerweise sind Boni und LTIs an die Geschäftsergebnisse eines Unternehmens und an seine Aktienrendite gebunden. Auch misst eine Organisation in der Regel weitere operative Kennzahlen und orientiert sich in der Bewertung der eigenen Geschäftsperformance auch an den direkten Wettbewerbern im Markt und nicht allein an eigenen absoluten Werten. Daraus leiten die Analysten des High Pay Centre die These ab, dass die Bezüge von Top-Managern in der Krise automatisch sinken sollten, auch ohne dass das Unternehmen steuernd eingreift. Schließlich werden gerade Vergütungsmodelle, die stark an der Performance ausgerichtet sind, in Krisenzeiten infolge der Verwerfungen im Kerngeschäft und an den Finanzmärkten leiden. Schwierig ist es zu bewerten, ob die Kürzung der Managervergütung tatsächlich die Kostenbelastung des Unternehmens substanziell senkt oder nicht. Oder ob ein monetärer Verzicht allein eine symbolische Geste des Managements als Zeichen ihrer Solidarität mit der Belegschaft und der Gesellschaft ist.

Die Studienautoren des High Pay Centre rechnen vor: Bei einer Vergütung entsprechend dem Median der FTSE-100-Unternehmen, also einem Festgehalt von 850.000 Pfund (circa 955.000 Euro) und Boni in Höhe von 1,4 Millionen Pfund (circa 1,6 Millionen Euro), würde ein Kürzung der Vergütung um 20 Prozent für drei Monate Mindereinnahmen von 42.500 Pfund (circa 47.800 Euro) bedeuten. Eine Kürzung des Jahresgehalts um 30 Prozent und die Streichung der Bonuszahlung würden gar zu Mindereinnahmen von 1,65 Millionen Pfund (1,85 Millionen Euro) führen. Noch höher würden die Verluste für die CEOs ausfallen, deren Median in der Gesamtvergütung bei den FTSE-100-Unternehmen 3,5 Millionen Pfund (3,9 Millionen Euro) beträgt.

So groß die einzelnen Vergütungspakete eines Executives auch ausfallen, besitzt ein Verzicht auf einen Teil davon zwar einen erheblichen symbolischen Wert, doch darüber können gerade Gesellschaften, die am Kapitalmarkt gelistet sind, kaum relevante Einsparungen realisieren. Deshalb erachten die Studienautoren solche Maßnahmen nur dann als sinnvoll, wenn auch weitere Gutverdiener im Unternehmen auf Entgelt verzichten. Einige der untersuchten Unternehmen handeln auch entsprechend und haben Gehaltskürzungen quer durch das Senior Management angekündigt. Laut dem High Pay Centre reduziert der Dampfanlagenhersteller Spirax Sarco die Vergütung von 100 Senior Managern in einer Spanne von 7,5 bis 20 Prozent. Der Personalvermittler Page Group hat die Kürzung der Bezüge von 450 Top-Managern um 20 Prozent mitgeteilt.

Diesen Beispielen steht der Fall des US-amerikanischen Taxidienstleisters Uber Technologies gegenüber. Das Unternehmen hat angekündigt, wegen der Krise rund 3.700 Vollzeitjobs zu streichen. Gleichzeitig will der CEO Dara Khosrowshahi für den Rest des laufenden Jahres auf sein Grundgehalt verzichten.