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24.01.20

Mitarbeiterbeteiligung in ungewissen Zeiten

Seit nunmehr rund eineinhalb Jahren zeigt der IFO-Geschäftsklimaindex nahezu konstant nach unten. Zu diesen eher trüben wirtschaftlichen Aussichten gesellen sich im Jahr 2020 noch geopolitische Unwägbarkeiten, so dass die Aussichten für Anleger an den Aktienmärkten alles andere als rosig sind. Hinzu kommt ein politisches Verwirrspiel. So schlägt die Bundesregierung vor, Investments in Aktien mit einer Finanztransaktionssteuer zu belegen. Betroffen davon wären auch Mitarbeiteraktien.

Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland im Spiegel volatiler Märkte und steuerpolitischer Eingriffe

Gleichzeitig wird geplant, den steuerfreien Betrag für im Rahmen von Mitarbeiterbeteiligung gewährten geldwerten Vorteilen von 360 Euro auf 720 Euro anzuheben. Auch wenn diese Anhebung noch fern jeder internationalen Marktpraxis ist, kann die steuerliche Förderung, flankiert von anderen Maßnahmen seitens der Unternehmen das grundsätzlich rentable Investment deutlich attraktiver machen. Zu nennen sind hier vor allem die Gewährung von Rabatten auf den Kauf von Unternehmensanteilen oder die Incentivierung des Aktienerwerbs durch kostenfreie Anteile.

So ist für börsennotierte Unternehmen belegt, dass bei entsprechender Förderung auftretende Krisen durch Mitarbeiterbeteiligungen langfristig kompensiert werden können. Bei rund 95 Prozent der Unternehmen aus DAX, MDAX, SDAX und TecDAX ließen sich in einem Zehnjahreszeitraum deutlich positive Renditen erzielen (vergleiche Deutsches Aktieninstitut und hkp/// group (2018) „Das Rendite-Dreieck Mitarbeiteraktien. Warum sich Beteiligungsprogramme für Mitarbeiter, Arbeitgeber und Gesellschaft lohnen“). Dabei ergibt sich ein Hebeleffekt, da Mitarbeiter in Krisenzeiten für ihr Investment aufgrund des geringeren Kurses eine größere Anzahl an Aktien erhalten. Spätere Kurssteigerungen erhöhen so die Rendite. Mitarbeiterbeteiligung zahlt sich daher in einer großen Mehrheit der Fälle aus. Dazu können vielfältige Szenarien über das Rendite-Dreieck Mitarbeiteraktien des Deutsches Aktieninstituts und hkp/// group online durchgespielt werden.

Auf der anderen Seite ergeben sich auch für Arbeitgeber Chancen: Attraktive Beteiligungsprogramme bieten Anreize, das Unternehmen auch in wirtschaftlichen Zeiten nicht zu verlassen, so dass Fachkräfte selbst über schwierige Phasen hinweg gehalten werden können. Auch aus gesellschaftlicher Sicht ist eine stärkere Mitarbeiterbeteiligung wünschenswert. Sie ermöglicht Arbeitnehmern, von Kapitalrenditen zu profitieren, und wirkt somit der wachsenden Vermögensungleichheit entgegen. Darüber hinaus können Mitarbeiter als eine langfristig nachhaltig orientierte Anlegergruppe fungieren, die unter Umständen unternehmenskritischen Interessen ausländischer Investoren entgegenwirkt. 

Mitarbeiterbeteiligung in deutschen Unternehmen

Laut einer aktuellen hkp/// group Auswertung von Geschäftsberichten der bedeutendsten 160 börsennotierten Unternehmen zur Verbreitung und Ausgestaltung von Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen im Jahr 2018 verfügen 60 Prozent der DAX-Gesellschaften über ein solches Programm. In den Unternehmen des MDAX und SDAX sind es deutlich weniger. Bei den Gesellschaften im DAX und TecDAX kann dabei eine Aufwärtsbewegung verzeichnet werden. In MDAX- und SDAX-Gesellschaften sind dagegen Programme zur Mitarbeiterbeteiligung weniger verbreitet als noch in 2016 (MDAX 38 Prozent, SDAX 26 Prozent in 2016). In Summe ergibt sich bei den börsennotierten Unternehmen erhebliches Potenzial, Mitarbeiter am Unternehmen zu beteiligen.

Mit Blick auf die Ausgestaltung der Beteiligungsprogramme nutzt die Mehrheit der Unternehmen Share-Matching-Pläne und Rabattaktien. Am weitesten verbreitet sind Matching-Verhältnisse von 3+1 oder 2+1, allerdings werden auch für Mitarbeiter äußerst attraktive 1+1-Pläne genutzt. Weniger häufig werden Gratisaktien ohne Eigeninvestment der Mitarbeiter eingesetzt.

Um Kosten zu begrenzen und für Mitarbeiter die steuerliche Last zu minimieren, wird häufig das maximale Investment des einzelnen Mitarbeiters auf den in Deutschland aktuell gewährten steuerlichen Freibetrag in Höhe von 360 Euro festgelegt. Vor diesem Hintergrund bietet die geplante Erhöhung des Freibetrags auf 720 Euro Unternehmen eine höhere Flexibilität, ohne die Attraktivität durch Steuerbelastung einzuschränken. Die effektive Bindung der Mitarbeiter an den Arbeitgeber wird dabei üblicherweise durch eine vereinbarte Halteperiode erreicht. So wird das Investment beispielsweise nach drei Jahren um die vom Unternehmen finanzierte Aktie ergänzt.

Nicht nur für börsennotierte Gesellschaften

Zwar eignen sich Mitarbeiterbeteiligungsprogramme primär für börsennotierte Unternehmen, jedoch können auch nicht-börsennotierte Gesellschaften von deren Vorteilen profitieren, beispielsweise in Form von virtuellen Beteiligungen. Diese beinhalten zwar in der Regel keine Stimmrechte, bilden jedoch den Unternehmenswert ab und beteiligen Mitarbeiter beispielsweise über Phantom Shares oder zeitlich gesperrte Aktien (Restricted Stock). Als weitere Möglichkeiten können Modelle dienen, die eine echte Beteiligung darstellen, aber mit anderen Vehikeln als Aktien funktionieren, etwa stille Beteiligungen und Genussrechte bzw. -scheine. Da die Rendite dieser Programme nicht von volatilen Kursen abhängig ist, sondern maßgeblich über die unternehmensinterne Bewertungsmethode bestimmt wird, sind nicht-aktiengebundene Alternativen häufig sogar attraktiver als Aktien.

Aktuelle Entwicklungen und staatliche Förderung

Vor dem Hintergrund der ausbaufähigen Verbreitung in deutschen Unternehmen sowie den mannigfaltigen Vorteilen ist die Erhöhung des Freibetrags von 360 Euro auf 720 Euro ein erster Schritt hin zu einer verbesserten staatlichen Förderung von Mitarbeiterbeteiligung und deren Anerkennung als wichtiger Hebel in der Vermögensbildung. Jedoch liegt Deutschland mit diesem Freibetrag im internationalen Vergleich weiter deutlich hinter Wirtschaftsnationen wie den USA, dem Vereinigten Königreich oder Spanien. Eine weitere Erhöhung auf etwa 1.000 Euro wäre daher ein sinnvoller Schritt. Vor allem für Start-ups wäre ein höherer Freibetrag eine wirkungsvolle Maßnahme.

Auch der aktuelle Vorstoß der CSU zur Spekulationsfrist, nach dem Aktien nach einer bestimmten Halteperiode steuerfrei verkauft werden können, würde die Attraktivität der Mitarbeiterbeteiligung erhöhen. Die diskutierte Finanztransaktionssteuer ist dagegen ein diametral gegenläufiges Instrument, wird doch dadurch die Attraktivität von Mitarbeiterbeteiligung verringert.

Alles in allem muss die Politik stärkere Anreize setzen, damit Arbeitgeber wie auch Arbeitnehmer die Chancen von Mitarbeiterbeteiligung in breiterem Umfang erkennen und nutzen. Denn besonders in Krisenzeiten versprechen Mitarbeiteraktien Stabilität – sowohl für die Einkünfte und Vermögen der Arbeitnehmer als auch für die Geschäftsentwicklung der Unternehmen.

Dr. Jan Dörrwächter
Senior Partner
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David Voggeser
Senior Manager
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Niklas Fuß
Senior Analyst
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