SAP SE

25.09.20

Flexible Mobilitätsbenefits bei SAP

Interview mit Steffen Krautwasser, Head of Global Car Fleet, SAP SE

Herr Krautwasser, SAP bietet in einem Pilotprojekt 115 Mitarbeitern in Berlin und Potsdam ein flexibles Mobilitätsbudget an. Welche Ziele verfolgt Ihr Konzern damit?

Steffen Krautwasser: Wir betreiben bei SAP mit rund 17.000 Fahrzeugen eine große Dienstwagenflotte in Deutschland. Dieser Benefit, den wir rund 90 Prozent unserer Mitarbeiter anbieten, kommt auch weiterhin gut an. Dennoch fragen immer mehr Kollegen nach Mobilitätsalternativen. Die Gründe dafür sind meistens in der privaten Lebensführung und der individuellen Wohnsituation zu suchen. Schon seit Jahren bieten wir bei SAP als Alternative zum Dienstwagen die Bahncard 100 an, doch die Beschränkung auf ein Verkehrsmittel ist für viele Mitarbeiter nicht die optimale Lösung. Deshalb haben wir unsere Kollegen in Deutschland nach ihrer bevorzugten Mobilitätsform befragt. Das Ergebnis war der Wunsch nach mehr Flexibilität und nach einer nachhaltigeren Mobilität. SAP verfolgt eine nachhaltige Unternehmensstrategie, das schließt auch die Mobilität ein. So haben wir das Pilotprojekt der „Flexiblen Mobilität“ entwickelt. Dabei stellen wir einem Kreis von Testpersonen ein virtuelles Mobilitätsbudget zur Verfügung. Dieses können sie frei für ihre Mobilität nutzen, für die Bahn, den ÖPNV, Fernbusse, E-Roller, Carsharing, Mietwagen, Mitfahrdienste oder Taxi. Das schließt auch Fahrten zwischen Wohnung und Arbeit ein. Berlin-Potsdam ist unsere erste Testregion, die einen sehr gut ausgebauten ÖPNV bietet. Dort finden sich auch zahlreiche Car- und Bike-Sharing-Angebote. Zugleich ist das Auto im urbanen Raum nicht immer das am besten geeignete Verkehrsmittel.

 

Nach welchen Kriterien werden Sie das Pilotprojekt bewerten?

Steffen Krautwasser: Seit 1. April 2020 stellen wir den 115 Testpersonen das virtuelle Mobilitätsbudget zur Verfügung. Damit wollen wir vielfältige Erfahrungen sammeln: Welche Alternativen wählen sie häufig, welche selten? Wie verändert sich das Mobilitätsverhalten der Mitarbeiter? Bewegt sich der Trend hin zu mehr Nachhaltigkeit? Geht der Individualverkehr zurück? Nutzen sie mehr ÖPNV? Reicht die Höhe des individuellen Budgets für die persönliche Mobilität? Dahinter steht auch die strategische Frage: Verabschieden sich die Mitarbeiter tatsächlich vom Dienstwagen, den sie zudem privat nutzen dürfen und dessen Kosten der Arbeitgeber überwiegend trägt? Ich halte den Dienstwagen immer noch für sehr flexibel, und diese Flexibilität lässt sich mit dem Mobilitätsbudget nur schwer nachbauen. Mit dem Budget stoße ich als Mitarbeiter ab einer bestimmten Entfernung an eine Grenze, die ich beim Dienstwagen so nicht habe.

 

Wie hoch ist das Mobilitätsbudget pro Mitarbeiter?

Steffen Krautwasser: Wir haben uns dabei an der Regelung für die Dienstwagennutzung orientiert und sie bestmöglich auf andere Mobilitätslösungen übertragen. Die individuellen Budgethöhen richten sich nach dem Level des Beschäftigten in der Jobarchitektur und nach seiner Wochenarbeitszeit. Wir haben das Budget nicht an den Kosten eines Dienstwagens ausgerichtet, sondern am persönlichen Mobilitätsbedarf, den wir ­prognostiziert haben. Demnach soll das Budget für ­jeden Mitarbeiter mindestens ein Monatsticket im ÖPNV zulassen [Anmerkung der Redaktion: Monatstickets der VBB kosten derzeit zwischen 84 und 104 Euro]. Darüber hinaus soll es beispielsweise die gelegentliche private Nutzung von Carsharing oder Mietwagen ermöglichen, sei es für Fahrten innerhalb einer Stadt oder für Urlaubsfahrten. Den voraussichtlichen Bedarf der Testpersonen haben wir anhand von Einzelinterviews prognostiziert. Leider ist uns die Corona-Krise im April dazwischengekommen, doch wir wollten das Projekt nicht verschieben, sondern lassen es zunächst die geplanten zwölf Monate lang laufen. In der aktuellen Situation können wir natürlich nicht valide bewerten, ob die Mobilitätsbudgets in der festgesetzten Höhe auch in normalen Zeiten ausreichen würden, denn natürlich ist mit der Pandemie und dem Lockdown die Mobilität unserer Mitarbeiter in Berlin und Potsdam stark zurückgegangen.

 

Werden Sie das Pilotprojekt im nächsten Jahr auf weitere SAP-Standorte ausweiten?

Steffen Krautwasser: Wir haben vor kurzem eine Mitarbeiterbefragung zum Mobilitätsbedarf durchgeführt. Da wir auch aktuelle Projektteilnehmer dabei hatten, können wir ihren Bedarf mit dem anderer Kollegen vergleichen. Eine erste Analyse der Befragungsergebnisse von August zeigt, dass Corona den motorisierten Individualverkehr stärkt. Das sehen wir vor allem anhand der Transaktionen im Verkehr mit 56 Prozent aller Befragten, die die motorisierte, individuelle Mobilität bevorzugen, aber auch bei den Budgetausgaben mit einem entsprechenden Anteil von 44 Prozent. Daneben entfallen bislang 23 Prozent der Budgetmittel auf Jahrestickets, 17 Prozent auf lange Zugfahrten und 14 Prozent auf den ÖPNV. Demnach schneiden öffentliche Verkehrsmittel gut ab, aber auch nicht überragend. Was das für die Fortsetzung des Pilotprojektes über den 31. März 2021 hinaus bedeutet, kann ich zum heutigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Hier halten wir uns alle Optionen offen, doch die ersten Befragungsergebnisse stimmen uns optimistisch, dass das Budgetmodell erfolgreich sein wird. Im kommenden Jahr werden wir schauen, ob wir die Pilotphase verlängern, ob wir das Projekt auch in anderen urbanen Regionen in Deutschland durchführen werden und ob wir uns für ländlichere Gebiete mit einem weniger ausgebauten ÖPNV ein modifiziertes Modell überlegen.

 

SAP betreibt nachhaltige Mobilität auch über den Ausbau der Elektrowagenflotte. Welche weiteren Schritte planen Sie hier?

Steffen Krautwasser: Wir beschäftigen uns schon seit über zehn Jahren mit Elektromobilität und haben uns feste Ziele für die Mobilität gesetzt. Bis 2025 wollen wir ein Drittel unserer Flotte weltweit elektrifizieren. Fahrzeuge mit hybriden Antrieben zählen wir dabei mit. Tatsächlich steigt die Zahl der Elektrofahrzeuge in unserer Flotte von Jahr zu Jahr an, so dass wir unserem Ziel für 2025 immer näher kommen. Dabei nehmen wir unsere Mitarbeiter mit, indem wir viel und transparent über Elektromobilität kommunizieren und Anreize bieten. Dadurch bauen wir Vorbehalte ab und zeigen auf, für wen sich solche Fahrzeuge besonders eignen. Letztlich liegt die Entscheidung aber beim Mitarbeiter. Natürlich brauchen wir eine Ladeinfrastruktur. Wir haben bislang rund 450 Ladesäulen an unseren Standorten in Deutschland errichtet. Doch die Herausforderung wird umso größer, je mehr Elektrofahrzeuge wir in der Flotte haben. Wir investieren in Wallboxen, also spezielle Steckdosen für das Aufladen von Elektroautos zu Hause, und ermöglichen den Zugang zu öffentlichen Ladestationen mit Ladekarten. Hier führen wir gerade einen Rollout durch, um unsere Kollegen noch besser zu versorgen.

 

In der Pandemie ist die berufliche und private Mobilität stark zurückgegangen. Ist der individuell genutzte Dienstwagen vor diesem Hintergrund noch der passende Benefit und das passende Verkehrsmittel?

Steffen Krautwasser: Genau diese Diskussion führen wir derzeit. Wir müssen dabei differenzieren: Mitarbeiter in Vertrieb und Service werden immer auf einen Dienstwagen angewiesen sein. Hinzu kommt der ausgeprägte Benefitcharakter des Dienstwagens in unserem Unternehmen. Der verliert natürlich derzeit an Sichtbarkeit, weil die Mitarbeiter nicht mehr so oft an den Arbeitsplatz fahren. Aber gerade Dienstwagenfahrer stellen sich eine andere Frage: Brauchen sie noch einen privaten Zweitwagen, wenn sie den Dienstwagen auch privat nutzen dürfen? Das entkräftet das Argument der rückläufigen Fahrten ins Büro. Deshalb glaube ich, dass der Bedarf der Mitarbeiter an privat genutzten Dienstwagen grundsätzlich bleiben wird, dass sich die Nutzung aber individueller gestalten wird. Deshalb haben wir neben unserem klassischen Dienstwagenmodell mit einer Tankkarte vor einiger Zeit ein alternatives Modell entwickelt, das ohne Tankkarte auskommt und dafür geringere Grundkosten für die private Nutzung des Fahrzeugs vorsieht. Das kommt den Mitarbeitern entgegen, die weniger Kilometer fahren, aber den Komfort eines Dienstwagens behalten möchten. Dieses Modell fragen unsere Mitarbeiter aufgrund der Pandemie und von Remote Work seit März deutlich häufiger nach. Somit kann es sein, dass wir unsere Dienstwagen-Policy in Zukunft entsprechend anpassen werden. Auch das ist ein Aspekt einer flexibleren Mobilität. Ich erwarte, dass wir in Zukunft weitere Erfahrungen damit sammeln werden und dass manches überraschend sein wird. Wir haben im Zusammenhang mit unserem Berliner Pilotprojekt einen deutlich stärkeren Run auf Bahn- und ÖPNV-Tickets erwartet. Der ist aber schwächer ausgefallen – zugunsten der individuellen motorisierten Mobilität.

 

Ihr Ressort, das Flottenmanagement, ist bei SAP dem Finance-Bereich zugeordnet. Wie stimmen Sie sich mit ihren Kollegen von Total Rewards über Mobilitätsbenefits ab?

Steffen Krautwasser: Wir stimmen uns sehr eng mit Finance, Einkauf, Total Rewards und HR über Mobilitätsangebote ab. Zusammen entwickeln wir die Benefits kontinuierlich weiter und gestalten sie flexibel, entsprechend der Nachfrage unserer Mitarbeiter. Diese Abstimmung ist notwendig, damit alle Aspekte Berücksichtigung finden und das Gesamtergebnis für alle Bereiche passt. Hier müssen wir uns zunächst immer klar machen, ob wir Anreize für die betriebliche Mobilität oder einen Benefit für die private Nutzung bieten wollen.