Die Finanzierung von Financial Wellness.

Quelle: Dirk Beichert Businessfoto.

27.05.19
Vorsorge & Gesundheit

Financial Wellness – Wie Arbeitgeber Mitarbeiter bei der Altersvorsorge unterstützen können

Ein Interview mit Christof Quiring, Head of Workplace Investing Germany bei Fidelity International, auf dem Praxisforum Total Rewards des F.A.Z.-Fachverlags FRANKFURT BUSINESS MEDIA.

Herr Quiring, viele Arbeitnehmer sind ratlos, wenn sie gefragt werden, wie viel Geld sie im Ruhestand zur Verfügung haben sollten. Was raten Sie ihnen?

Christof Quiring
: Es gibt eine einfache Faustregel: Zu Beginn ihres Ruhestandes sollten Rentner etwa das Zehnfache ihres Jahreseinkommens zur Verfügung haben. Fidelity hat in diesem Jahr Altersvorsorgerichtlinien für Deutschland, aber auch für andere Länder entwickelt. Die Idee ist, Instrumente zu finden, die das Thema Altersvorsorge näherbringen und ein bisschen Spaß machen, denn im Grunde macht das Thema keinen Spaß. Wenn in einem Begriff die Worte „Alter“ und „Sorge“ vorkommen, dann macht das eigentlich niemandem so richtig Spaß. Deshalb sollten die Unternehmen ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, sie sensibilisieren und einen Leitfaden vermitteln – sowohl in der Ansparphase als auch in der Endsparphase. Nur dann sind die Beschäftigten auch wirklich in der Lage, sich optimal für den Ruhestand aufzustellen. Mit unseren Planungstools können sie ihrer Financial Wellness ein großes Stück näher kommen. Wir glauben, dass die besten Wege, um Mitarbeiter an das Thema heranzuführen, Mitarbeiterbeteiligungsprogramme und natürlich die betriebliche Altersversorgung sind.

Wie kommt das Thema „Financial Wellness“ bei Arbeitgebern an?

Christof Quiring: Die erste Reaktion ist häufig ähnlich: Der Faktor zehn, wonach ein neuer Rentner das Zehnfache seines letzte Jahresgehaltes zu Beginn des Ruhestandes zur Verfügung haben sollte, erscheint vielen sehr hoch. Nimmt ein Arbeitnehmer sein Jahresgehalt und multipliziert es mit dem Faktor zehn, dann fragt er sich natürlich, wie er zu einem so hohen Betrag kommen soll. Doch man muss diesen Wert richtig einordnen: Es zählen nicht nur alle verschiedenen bAV-Ansprüche, die man während seiner Lebensarbeitszeit erwirtschaftet hat, sondern auch alle privaten Sparmodelle. Jede Vorsorgekomponente außerhalb der gesetzlichen Rente wird addiert, auch Immobilien und vielleicht noch eine Erbschaft.

Ist Financial Planning in deutschen Unternehmen auf dem Vormarsch? Oder hinken wir hier im internationalen Vergleich immer noch hinterher?

Christof Quiring: Wir stellen immer stärker fest, dass sich in diesem Bereich etwas verändert. Die Unternehmen sind sehr offen gegenüber unserem Konzept und bauen beispielsweise unsere Erklärvideos gern in ihre Portale ein. Vor 30 Jahren hatten die Unternehmen noch ein Gefühl von Fürsorgepflicht. Dementsprechend haben sie auch ihre arbeitgeberfinanzierten Pensionspläne gestaltet. Heute ziehen sich viele aus der klassischen Betriebsrente zurück. Unternehmen übertragen die Verantwortung für die kapitalgedeckte Altersvorsorge stärker an ihre Mitarbeiter. Deshalb sind sie auch daran interessiert, ihnen mit Informationen zur Seite zu stehen. Vor allem bei den großen deutschen und internationalen Unternehmen, die solche Konzepte aus anderen Märkten kennen, besteht eine große Bereitschaft für die Nutzung von Financial-Wellness-Tools.

Wann ist ein guter Zeitpunkt, dass Arbeitgeber ihre Mitarbeiter bei Financial Wellness unterstützen?

Christof Quiring: Unsere Empfehlung lautet: Fangt damit in dem Moment an, in dem die Auszubildenden übernommen werden oder auch als Mitarbeiter direkt nach dem Studium ins Unternehmen kommen. Sofort mit der bAV starten und sofort kommunikativ unterstützen! Das gilt auch dann, wenn sie später an anderen Programmen teilnehmen, etwa an Long-Term-Incentive-Plänen. Dann sind sie vielleicht daran interessiert, die Anwartschaft oder Vergütungsbausteine in eine andere Säule zu übertragen. Je früher ein Berufstätiger anfängt, vorzusorgen und zu planen, desto besser ist es für ihn. Der Zinseszinseffekt sollte nicht unterschätzt werden.

Wir haben heute viele Beschäftigte mit einer heterogenen Berufsbiographie, mit mehreren Arbeitgebern und auch mal mit Phasen der Freiberuflichkeit oder der Arbeitslosigkeit. Wie kommen Berufstätige dann auf das Vorsorgeniveau, das Sie empfehlen?

Christof Quiring: Da sollte sich jeder die Mühe machen, die Anwartschaften, die er aufgebaut hat, zu addieren. Wir müssen aber auch erkennen, dass unser Betriebsrentenrecht noch nicht auf die neue berufliche Mobilität ausgerichtet ist. Der Gesetzgeber muss die Systeme noch weiter öffnen, damit ein Berufstätiger die Vorsorge, die er aufgebaut hat, auch übertragen kann. Es bleibt also viel zu tun.

Wie kann die Ansparphase aussehen?

Christof Quiring: In vielen Märkten der Welt haben sich Lebenszyklusfonds durchgesetzt. Ich investiere in einen Fonds, der, solange ich jung bin, zu 100 Prozent in Aktien anlegt. Je näher ich dem Zieldatum komme und die Volatilität der Kapitalmärkte nicht mehr aushalten will oder nicht mehr aushalten sollte, investiere ich automatisch immer konservativer. Mit diesem Modell kann ich bis zum Renteneintritt genug ansparen und dabei das Risiko managen. Wenn ich nicht direkt bei Renteneintritt über das ganze Geld verfügen möchte, kann ich natürlich auch später aus den Aktienmodellen in konservative Anlageformen wechseln.