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22.11.21

Digitalisierung der Arbeitswelt – was macht mobiles Arbeiten mit unserer Gesundheit?

Gesundheit ist eines der wichtigsten Güter im Leben. Im Kontext der vergangenen anderthalb Jahre – mit Beginn der Coronapandemie – ist Gesundheit noch mehr in den Fokus der Gesellschaft und damit auch der Unternehmen gerückt. Professor Dr. Mustapha Sayed empfahl beim Themenforum der Barmer Krankenversicherung Unternehmen, die Gesundheit ihrer Beschäftigten gezielt zu fördern.

Seit Beginn der Coronapandemie hat sich die Anzahl der Stunden, die Beschäftigte in Deutschland remote arbeiten, mehr als verdoppelt. Arbeiteten vor Corona Beschäftigte durchschnittlich 15,9 Arbeitsstunden pro Woche remote, waren es während der Pandemie 35,7 Wochenstunden. Dabei darf nicht vergessen werden, dass in vielen Branchen mobiles Arbeiten gar nicht möglich ist.

Die digitale Transformation hat Auswirkungen – positive wie negative – auf die Gesundheit von Beschäftigten in Unternehmen. Gemeinsam mit der Universität St. Gallen untersucht die Barmer diese Auswirkungen von digitaler Arbeit und veröffentlicht die Ergebnisse in der  „social health@work“-Studie. Mehr als 8.000 Personen nehmen an der mehrjährigen Erhebung teil.

Die Studie zeigt, dass die neuen digitalen Arbeitsmodelle, insbesondere mobiles Arbeiten, verschiedene Spannungsfelder mit sich bringen: Mitarbeitende erleben, wie die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen; sie müssen autonom und selbstorganisiert arbeiten; nichtsdestotrotz müssen Führungskräfte Teams zusammenhalten, damit diese ihre Leistung erbringen können. 

In diesem Zusammenhang sind nicht nur die physische und die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden wichtig, erklärt Gesundheitsexperte Professor Dr. Mustapha Sayed. Auch die soziale Gesundheit der einzelnen Mitarbeitenden, also der Zustand des sozialen Wohlbefindens am Arbeitsplatz, müssen Organisationen in den Blick nehmen. 

„Wir sprechen dabei von einer hohen Inklusionswahrnehmung, das heißt, wie eng Teams zusammenhalten und sich Mitarbeitende zugehörig fühlen.“ Eine hohe Inklusionswahrnehmung wirke sich positiv auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit aus, erklärt der Experte für Betriebliches Gesundheitsmanagement der Barmer. Fühlten sich Mitarbeitende wohl, verringere sich deren Kündigungsbereitschaft um bis zu 50 Prozent. Zudem erhöhe eine hohe Inklusionswahrnehmung die psychische Arbeitsfähigkeit um 33,9 Prozent und die physische Arbeitsfähigkeit um 21,3 Prozent. Auch die emotionale Erschöpfung verringere sich (– 23,9 Prozent) durch das Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Digitale Kompetenzen sind wichtig

Insgesamt nehmen durch die zunehmende Digitalisierung Überlastung und emotionale Erschöpfung zu. Interessant dabei ist: „Junge Beschäftigte sind stärker betroffen als ältere Beschäftigte“, betont Sayed. Hilfreich sei, wenn die digitale Kompetenz der Mitarbeitenden stark ausgeprägt ist. Das hat positiven Einfluss auf die Produktivität, aber auch auf das physische und psychische Wohlbefinden. Es verringert unter anderem Stress und sogar Schlafprobleme, wie Sayed ausführt. 

Virtuelle Führungsfähigkeit spielt große Rolle

Führungskräfte können die Leistungsfähigkeit und die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden positiv beeinflussen: „Wenn die virtuelle Führungsfähigkeit gut ist, hat das zu 48,3 Prozent Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit der Belegschaft. Zudem reduziert es die Kündigungsbereitschaft von Mitarbeitenden.“

Als wichtige Punkte, um Mitarbeitende zu stärken, nennt der Gesundheitsexperte vor allem virtuelle Kommunikationsmuster sowie Grenzziehungsverhalten. „Wenn der Anteil virtueller Kommunikation zunimmt, verbessert sich zunächst die Beziehung zu den Kollegen.“ Doch dabei sei Achtung geboten: Wird zu viel virtuell kommuniziert, leidet die Beziehungsqualität. Das sollten Führungskräfte berücksichtigen.

Auch rät er, Mitarbeitende dafür zu sensibilisieren, Grenzen zwischen Privatem und Beruf zu ziehen „Das Gefühl der ständigen Erreichbarkeit kann belastend sein“, weiß er und ruft Führungskräfte auf, sich ihrer Vorbildrolle bewusst zu sein: „Wenn Sie beispielsweise abends oder nachts Mails schreiben, werden das Ihre Mitarbeitenden registrieren und sich möglicherweise dadurch unter Druck gesetzt fühlen.“

Für Sayed ist daher klar: „Es gibt neue Herausforderungen für Teams und Führungskräfte. Ziel dabei muss sein, alle Teammitglieder entsprechend ihrer Bedürfnisse zu unterstützen und ein adäquates Maß an Kommunikation, Coaching und Feedback zu leisten.“

Der Gesundheitsexperte empfiehlt Unternehmen, die Chancen der Digitalisierung jetzt aufzugreifen und das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) auszubauen. Dadurch könnten sie die Belegschaft für Gesundheitsthemen sensibilisieren, sie über Gesundheitsmaßnahmen informieren und ihnen Möglichkeiten zur zeit- und ortsunabhängigen Teilnahme an Gesundheitsmaßnahmen ermöglichen.

Die komplette Studie kann hier heruntergeladen werden.