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09.02.21

Mobilität der Zukunft: Wie HR sie gestalten kann

Die Automobilindustrie befindet sich in einem grundlegenden Strukturwandel. „HR braucht jetzt vor allem Mut. Denn jetzt ist unsere Zeit, uns einzumischen und Transformation zu gestalten“, sagt Ilka Horstmeier, Personalvorständin und Arbeitsdirektorin der BMW AG in ihrer Keynote auf dem 11. Deutschen HR-Summit. Von moderner Personalarbeit erwartet sie sich mehr, als die Rolle des Business Partners auszufüllen: „Wir müssen Business Developer sein.“

BMW – das bedeutet über 100 Jahre Geschichte. Jetzt stehen die Münchner vor einem Umbruch, wie es ihn lange nicht gab. Vor dem zweiten Weltkrieg baute das Unternehmen Flugmotoren, danach für kurze Zeit Kochtöpfe. Erst 1929 startete die Fahrzeugproduktion. Heute findet der Wandel im Fahrzeug selbst statt: Die Treiber sind Elektrifizierung und Digitalisierung der Autos. Elektrisch angetriebene Fahrzeuge haben zweistellige Wachstumsraten. 2023 will die BMW Group 25 Modelle anbieten – vollelektrisch und als Plug-in-Hybride. Zugleich geben Software und Sensorik den Innovationstakt vor auf dem Weg zum automatisierten Fahren. Die Transformation der gesamten Industrie, an der allein in Deutschland über 800.000 Arbeitsplätze hängen, ist in vollem Gange. Für gut 10 Prozent davon ist Ilka Horstmeier verantwortlich als Personalvorständin der BMW AG.

„Herausfordernd“ sei der Wandel, sagt Horstmeier. „Vor allem aber bietet er Chancen. Denn wenn man es clever macht, schaffen E-Mobilität und automatisiertes Fahren hochwertige Arbeitsplätze – und durch die Digitalisierung entstehen neue Geschäftsmodelle.“ 

HR muss das Business verstehen

Ilka Horstmeier ist im Personalwesen eine Newcomerin. Ihre 26 Jahre bei BMW hat sie größtenteils mit Führungsaufgaben in der Produktion verbracht. Zuletzt leitete sie die Antriebsproduktion und danach in Dingolfing das größte europäische Werk des Konzerns. HR kannte sie vor allem „aus der Kundenperspektive“, wie sie es nennt. Im November 2019 übernahm Horstmeier als Personalvorständin.

Transformation betreibt sie aus Leidenschaft. Change-Prozesse steuert sie nachhaltig und geräuschlos: „Wir im Personalwesen sind diejenigen, die den Unterschied machen können, ob eine Transformation gut wird oder nicht. Dazu braucht es hohe HR-Kompetenz und ein tiefes Verständnis des Business. Darauf kommt es gerade jetzt an, denn der technologische Wandel ist gewaltig.“ Für BMW bedeutet der technologische Fortschritt vor allem, einen enormen Kompetenzaufbau zu stemmen. 

HR ist bei BMW People und Places

Schon heute arbeiten über 7.000 IT- und Softwareexperten an den Kundenwünschen der Zukunft. 1.600 von ihnen beschäftigen sich ausschließlich mit der Entwicklung des auto­matisierten Fahrens in einem eigens dafür gebauten Campus vor den Toren Münchens. Tendenz steigend. „Die Digitalisierung zieht sich durch das gesamte Unternehmen“, sagt Ilka Horstmeier. Deshalb hat das Unternehmen im Herzen seines Forschungs- und Entwicklungszentrums – die Heimat für rund 15.000 Ingenieure – einen Datenspielplatz eröffnet, den Data Transformation Space. Allein dort wurden seit 2019 gut 9.000 Mitarbeiter qualifiziert und quasi spielerisch mit Data & Analytics vertraut gemacht. 

Was ist der Wertbeitrag?

Zusätzlich zum Kompetenzaufbau bei der Digitalisierung kommt ein umfassender Kompetenzumbau im Kerngeschäft: Bis 2022 baut jedes der fünf deutschen Werke neben konventionell angetriebenen Autos mindestens ein vollelektrisches Fahrzeug. Die Beschäftigten müssen so flexibel sein, dass Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und Elektroautos auf einem Band gebaut werden können. „Dafür haben wir bereits über 50.000 Mitarbeiter für die Elektromobilität qualifiziert. Das versetzt uns in die Lage, auf die weltweit unterschiedlichen und individuellen Kundenwünsche zu reagieren.“

Erlebbar wird der Wandel hin zur E-Mobilität besonders im Werk Dingolfing, den Horstmeier zuerst als Antriebs- und später als Werks-Chefin vorangetrieben hat. In Niederbayern kann BMW künftig bis zu 500.000 Elektroantriebe jährlich fertigen. Für den Bau der Elektrokomponenten musste die Sitzefertigung weichen. Horstmeier gibt zu, dass das in der Belegschaft nicht sofort Begeisterung ausgelöst hat: „Die erste Frage muss aber immer sein: Leistet die Tätigkeit noch einen wettbewerbsdifferenzierenden Wertbeitrag? Wenn nicht, braucht es den Umbau. Solch eine Entscheidung gilt es, frühzeitig zu treffen, um dann Zeit zu haben, jedem Mitarbeiter eine sinnvolle Perspektive zu bieten.“ 

Jetzt ist unsere Zeit!

Spätestens an diesem Punkt versteht man, was Horstmeier meint, wenn sie sagt: „HR braucht Mut. Wir müssen uns einmischen in die Entscheidungsprozesse des Unternehmens und selbstbewusst Verantwortung übernehmen, denn Transformationszeiten sind Zeiten von HR. Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Ihr Fazit auf dem 11. Deutschen HR-Summit ist: „HR soll nicht mehr nur Business Partner, sondern muss Business Developer sein.“ Für Horstmeier heißt das: weg vom Spielfeldrand und mitten rein ins Geschehen. „Wir müssen antizipieren, welche Herausforderungen auf das Business heute, morgen und übermorgen zukommen, und damit erkennen, welches Know-how, welche Talente und welche Fähigkeiten das Unternehmen braucht. Dazu gehört, Organisationsentwicklung und Strategie mitzudenken und mitzugestalten. So können wir im HR den Unterschied machen.“